Sind Kühe Klimakiller?

Sind Kühe Klimakiller?

Im Rahmen seines Abiturs hat Kevin (7.LB) sich ausführlich mit der Frage „Sind Kühe Klimasünder?“ beschäftigt. Seine Rechercheergebnisse präsentiert er im untenstehenden Artikel. Herr Mausen stand ihm mit Rat und Tat zur Seite. Die Lektüre lohnt sich!

In der Mediothek der BS befinden sich seit 2 Jahren einige Ordner zum Thema „Nachhaltige Entwicklung“. In der Rubrik KLIO 5 auf Seite 3 geht es in einem Arbeitstext um das Thema: „Kühe sind Klimasünder“. Dort werden Auszüge aus einer Studie aufgeführt, die von der Welternährungsorganisation der vereinten Nationen (FAO) in Auftrag gegeben wurde. Die Schlussfolgerung dieser Studie mit dem Namen „Der lange Schatten des Viehs“ lässt sich, wie folgt, zusammenfassen.
Weltweit produziere die Tierhaltung 18% der freigesetzten Klimagase und damit mehr als der gesamte Transportsektor.
Der Autor dieser Studie heißt Henning Steinfeld. Ein Interview in der Zeitung DER SPIEGEL ist als PDF Datei nachzulesen.
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/74549717

Ein Ausweg aus dieser Situation sieht für Herrn Steinfeld folgendermaßen aus.
„Henning Steinfeld sagte, dass die Lösung darin liege, die komplette Tierzucht zu intensivieren, also Massentierhaltung einzuführen, Kraftfutter, Genetik, Impfungen, Düngung der Weideflächen, Wachstumshormone. Dadurch würden die Tiere schneller fett, und pro Kilogramm Fleisch würden weniger Treibhausgase produziert werden.“

In Ihrem Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller“ hat Tierärztin Anita Idel die Studie kritisch hinterfragt und es gelingt ihr darin sogar, die Kuh in ein besseres Licht zu rücken. Zwar legt sie auch den Finger in die Wunde und prangert den hohen Kraftfutterverbrauch sowie den Einsatz von synthetischem Stickstoffdünger an. Die Wiederkäuer produzieren Methan, welches 25mal klimaschädlicher ist als CO². Dem steht gegenüber, dass Rinder und ihre Verwandten zur Begrenzung des Klimawandels beitragen können und zwar durch nachhaltige Weidehaltung. Dadurch wird die Bodenfruchtbarkeit gefördert und Kohlenstoff als Humus im Boden gespeichert.
Die Kuh kann nämlich eine Sache besonders gut. Sie kann aus Gras ein hochwertiges Lebensmittel herstellen. Gras, was der Mensch nicht verdauen kann und nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht. Gras, was dort wächst, wo Ackerbau nicht betrieben werden kann. Gras, eine mehrjährige Pflanze, die den Boden 365 Tage im Jahr bedeckt und ihn vor Erosion schützt. Gras, was beweidet werden muss, damit es grün bleibt und mithilfe der Sonne Zucker herstellen kann. Dieser Zucker wird nicht nur in der Pflanze gespeichert, sondern auch über die Wurzeln in den Boden geleitet und versorgt die Bodenmikroben und -pilze mit der nötigen Energie. So wird Humus aufgebaut, und CO² in großen Mengen dauerhaft gespeichert und aus der Atmosphäre entfernt.

Die Aussagen von Frau Idel können folgendermaßen zusammengefasst werden:

„Wenn der Wiederkäuer nur an seiner Methanproduktion gemessen wird, kann er bei der Klimadiskussion nur verlieren.
Wenn die CO²-Speicherung des gesamten Weidelandes in die Berechnung mit einfließt, was bis jetzt noch nicht berücksichtigt wurde, ergibt sich ein ganz anderes Bild.“

Ein Interview mit Frau Idel, sowie eine interessante Publikation ist unter folgenden Links zu finden.

https://germanwatch.org/de/download/8126.pdf

Frau Idel vervollständigt aber auch noch andere Aussagen aus der FAO Studie. Dabei handelt es sich um den Wasser- und Flächenverbrauch sowie um das Thema Lachgas.
Der Wasserrucksack:
Aus einer Studie der FAO geht hervor, dass man zur Herstellung von 1 kg Rindfleisch 15000 l Wasser benötigt. Dies ist eine gigantische Zahl, die die Gesellschaft aufhorchen lässt. Dass in diesen 15000 l Wasser 93% Regenwasser enthalten sind, wird nur am Rande bemerkt. So reduziert sich der reelle Wasserverbrauch auf 1050 l Wasser pro Kilogramm Rindfleisch.

Der Flächenrucksack:

Ein weiterer Fehler im Berechnungssystem der Studie betrifft den Begriff Flächen- Rucksack. Man unterscheidet nicht zwischen Flächen mit und denen ohne Nahrungskonkurrenz. Keine Nahrungskonkurrenz für den Menschen stellt das Grünland dar, denn wir Menschen können kein Gras verdauen. Die Kuh kann Milch und Fleisch aus dem Gras herstellen. 70% der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzflächen ist Dauergrünland.

Lachgas:

Das Thema Lachgas, welches stark klimaschädigend ist, wird in dem FAO Bericht nur am Rande diskutiert. Es entsteht, wenn Stickstoffüberschüsse in sauerstoffarme Bodenschichten gelangen. Frau Idel macht dafür den intensiven Ackerbau mit hohen Gaben an synthetischem Stickstoff verantwortlich.
Grünland bringt in dieser Hinsicht ebenfalls Vorteile, da der Pflanzenbestand auch außerhalb der Vegetationsperiode Nähstoffe wie Nitrat aufnehmen kann und vor Auswaschung in tiefere, sauerstoffärmere Bodenschichten schützt und damit die Lachgasbildung begrenzt. (s. auch nachstehende Untersuchung). Lachgas entsteht übrigens auch auf nicht gedüngten Böden.
https://www.lfl.bayern.de/mam/cms07/ipz/dateien/aggf_2009_riswick_wrage.pdf

Die Landwirtschaft in Ostbelgien:

In der Deutschsprachigen Gemeinschaft werden 29.000 ha landwirtschaftliche Fläche genutzt. Jedoch sind die Klima- und Bodenbedingungen so gegeben, dass man hauptsächlich Grünland bewirtschaften kann. Die späten Fröste im Frühjahr, die frühen Fröste im Herbst, die steinigen und nicht tiefgründigen Böden, die hügelige Landschaft und die kleinen Flächen sind alles Punkte, die gegen Ackerland sprechen. Um das Grünland, welches 93% der landwirtschaftlichen Flächen der DG entspricht, wirtschaftlich zu gestalten hat einen Großteil der Landwirte sich für die Milchprduktion entschieden. Der kleine Prozentsatz Ackerland in der DG dient vor allem zur Produktion von Maissilage und eventuell Getreide für den eigenen Bedarf. Die Viehhaltung ist Bodengebunden. Das heißt, der Betrieb muss über genügend Flächen verfügen um die produzierten Güllemengen so zu nutzen, dass eine Nährstoffverlagerung in das Grundwasser verhindert wird. Die Futtermittel für das Vieh werden größtenteils selbst produziert (Weidegras, Grassilage, Heu, Maissilage und Getreide). Im Umweltbericht der Wallonischen Region von 2017 werden auf den Seiten 304 – 307 die Nitrat- und Pestizidgehalte im Grund- und Trinkwasser, sowie die Kohlenstoffgehalte im Boden für die wallonische Region auf Karten dokumentiert. Die gezeigten Werte zeigen, dass zumindest in Ostbelgien eine umweltverträgliche Landwirtschaft betrieben wird.

https://www.bauernbund.be/fachinfos/themen/bestandsaufnahme-der-landwirtschaft-der-dg/gr%C3%BCnland-wohin-man-blickt

https://www.meteo.be/meteo/view/fr/27484519-Climat+dans+votre+commune.html

http://www.agreau.be/de/page/category/142/wie_berechne_ich_meinen_bodenbindungssatz_1

http://etat.environnement.wallonie.be/files/Publications/REEW2016/DGRNE-16-16716-REEW%202016-sl-051217-prod2%20-%20basse%20r%c3%a9solution.pdf

Schlussbemerkung:

Diesen Beitrag haben wir im Rahmen des Tierzuchtunterrichtes des 7. Jahres der Landwirtschaftsabteilung verfasst. Als Lehrer und Schüler der Abteilung Landwirtschaft wollten wir die im obengenannten Arbeitstext (KLIO 5) erhobenen Vorwürfe nicht so einfach hinnehmen. In der Presse wird dieses Thema ebenfalls sehr emotionsgeladen behandelt. Man beruft sich auf seriöse Studien und informiert die Bevölkerung. Daran ist zunächst nichts auszusetzen. Die Schlussfolgerung der oben erwähnten Studie sorgt jedoch nicht nur bei Bio-Landwirt(inn)en für Stirnrunzeln. Die Ausführungen der Tierärztin Anita Idel sind uns bei unserer Arbeit schon eher eine Hilfe gewesen, da sie einige Vorwürfe entschärft. Das soll jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass alles in bester Ordnung ist. Grundlegende Änderungen im System Landwirtschaft sind notwendig, jedoch nicht von heute auf morgen umzusetzen. Aber wir arbeiten daran. Als Landwirtschaftslehrer stehen wir gerne zu einem Gespräch in Eurem Unterricht zur Verfügung.
Vergessen sollten wir auch nicht, dass wir nicht nur alle vom Klimawandel betroffen, sondern auch daran beteiligt sind.

Kevin, 7. LB
Herr H. Mausen, Fachlehrer Landwirtschaft